Die griechische Tragoedie und das Werk von Nick Cave (Teil1)

rezension: nick caveAusgerechnet in den "Misère"-Studios in Paris entstanden die Aufnahmen zu Nick Caves neuem Doppelalbum "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus". Die "Misère" (franz. fuer: Elend, Notlage) wirkte sich auf den Verkauf des Werkes (eine geschaetzte halbe Million) aber durchaus positiv aus und wie die meisten wissen, ist sie ja auch Caves beliebtestes Sujet in seinen Texten und seiner Musik. Fuer die Musik zeichnete uebrigens das sich in Paris gut aufeinander einkalibrierte Trio Warren Ellis (Electric Bouzouki, Fendocastor, Viola, Violin, Acoustic Guitar, Backing Vocals), Jim Sclavunos (Drums, Percussion, Backing Vocals) und Martyn Casey (Bass, Acoustic Guitar, Backing Vocals) verantwortlich. Auf diese Weise konnte sich Nick Cave mehr auf seinen Part, den Gesang und die Lyrics konzentrieren und verzichtete zumeist auf sein geliebtes Klavier. Ein zusaetzlicher Gospel-Chor sorgt dafuer fuer eine ebenso feierliche Stimmung und eine willkommene Abwechslung.

"Abattoir Blues"

, der Titelsong, koennte mit seinem Chor im Hintergrund als eine Art sentimentaler Gospel bezeichnet werden. Auch die Stimmungslage erinnert an einen Tag nach einer dieser Naechte und man ist fast versucht in den Chorus von "Abattoir Blues" einzustimmen, ohne genau zu wissen, was ihn eigentlich ausmacht. Sicher ist jedenfalls, dass der Teufel und eine Frau – oder beide in einer Person – ihre Haende im Spiel haben und fuer diesen Zustand, den "Abattoir Blues", verantwortlich sind. Wer einen schlussendlich ins "Schlachthaus" fuehrt, aendert nichts an der Tatsache, dass man dorthin gefuehrt wird.

Am Anfang dieses Album steht jedoch ein kraeftig stampfendes

"Get Ready for Love"

, das selbst Tote wieder aufweckt und zu wandelnden Lazarussen machen koennte. "Blues" und "Gospel" also nur mitnichten. Der Rhythmus ist bestechend einfach und mitunter fuer ein zuckendes Bein verantwortlich zu machen, das sich zuerst unter einem Tisch versteckt, verzweifelt versucht sich selbst zu befreien, um schliesslich in einem ruckhaften Befreiungsschlag in die verheissungsvollen Zeilen "Get Ready for Love" einzustimmen. Spaetestens wenn die Gitarre – bereits gegen Ende des Songs – das antirhythmische, fast mexikanische, "wamwam" anstimmt, bricht nicht nur das Bein, sondern der ganze Koerper aus dem zivilisierenden Tischgefaengnis hervor und: es wird getanzt!



Ein ganz grosser Wurf ist den Bad Seeds mit

"Cannibal’s Hymn"

gelungen. Erst leise, balladenmaessig eingestimmt, dann etwas unverhohlener, um schliesslich einen ganz grossen, vom Schlagzeug begleiteten kathartischen Hoehepunkt anzusteuern, dessen zentrale Aussage nur sein kann, dass es schoen ist zu sterben - zumindest einmal - nur ganz kurz - in diesem Moment des Hoehepunkts, wenn die Stimme und die Instrumente der Band einen hinauftragen in den Olymp der katalektischen Katharsis. Jeder Abschied ein kleiner Tod, jeder Orgasmus eine kleine Epidemie.

"Messiah Ward"

spielt tatsaechlich mit dem oben bereits angedeuteten "Misère"-Thema und wird ausnahmsweise fuer diese Scheibe auch von einem Klavier eingeleitet. Aber wie kommt es, dass trotz dieser beschriebenen Tragoedie keine wirkliche Trauer aufkommt? Etwa weil es im griechischen Theater auch so etwas wie Fatalismus gibt und wahre Divinitaet dadurch erreicht wird, dass man die Dinge so akzeptiert wie sie sind.

Ein weiterer Meilenstein wird mit

"There She Goes, My Beautiful World"

gesetzt, der motivisch-energetisch an den Eroeffnungssong anknuepft und erneute Freude bringt fuer Tanzbein und Derwischkopf. Sie brauchen sich deswegen aber nicht im Kreis zu drehen: die Freude ist gegenseitig, sowohl fuer den der geht, als auch fuer den, der verlassen wird. Und jene, denen hier gedacht wird - oder eben ein Meilenstein gesetzt wird – haben ihn sich sicher auch verdient. Das darauffolgende

"Nature Boy"

vertieft diese Stimmung noch. Nick Cave der Gaukler.

"Let the bells ring"

hingegen wird von einer Santana-inspirierten Gitarre eingeleitet und auch weiter in seinen schlingernden Schluenden hinabbegleitet. Ein ernsthafter und positiver Song. "Lass Deine Gloeckchen klingen" heisst es in einem anderen musikalischen Meisterwerk von dem noch zu sprechen sein wird. Hier – bei Cave – gleicht es ebenso einem verhaltenen Verzweiflungsschrei, der den sich Haengenden vor dem Strick retten soll oder den Baum vor dem Erhaengten, je nach Perspektive. Das positive Grundgefuehl dieses Songs, der so warm und sonnig und schmeichelhaft daherkommt wie ein Fruehlingstag im Winter, wird ueberschattet von dem vibrierenden Gelaeute der Glocken, das die Schlafzimmer aufsucht und ihre Intimitaet durchdringt. Ein Appell an das schlechte Gewissen, zu wenig gebetet und zu viel gesuendigt zu haben?

Den bombastischen Schlusspunkt dieses Albums setzt die

"Fable of a brown ape"

(Fabel des braunen Affen). Nick Cave erzaehlt mehr oder weniger MC-gleich die Geschichte eines Farmers und seiner "Haustiere", ein Affe und eine Schlange und wird von Chor und Instrumenten orchestral unterbrochen, um dann in einem letzten Satz unterzugehen. Die Doerfler kamen, sahen und brachten alle um.

Ende der Messe erster Teil.
(Text: Juergen Weber)

Weiter gehts zu Teil2 über Nick Caves Werk.



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The Lyre Of Orpheus. 2ter Teil der Rezension.


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