Die griechische Tragoedie und das Werk von Nick Cave (Teil2)

rezension: nick caveDie griechische Lyra ist ein Instrument, das in der heutigen Zeit wohl nur mehr sehr selten benutzt wird. Im gleichnamigen Titelsong ist sie zwar nicht zu hoeren, aber er spielt durchaus mit dem Motiv des Orpheus, der in den Hades hinabstieg, um seine Braut von den Toten zu erretten. Dass Musik dies vermag - die Toten zu erwecken – wissen wir spaetestens seit dem Eroeffnungssong des Albums "Abbatoir Blues" (siehe oben).

In der Geschichte, die in dem Song

"The Lyre of Orpheus"

erzaehlt wird, ist die griechische Mythologie leicht abgewandelt und ein aus dem Schlaf erweckter Gott erzuernt sich ueber Orpheus’ Spiel. Ein geflehtes "Oh, Mama" wird in den Vordergrund gestellt, das sich spiralfoermig wiederholt und den Verlauf der Tragoedie untermahlt, denn weder Orpheus noch Gott werden schliesslich nachgeben. Am Ende der Spirale steht deswegen kein Hoehepunkt, sondern die Abyss (griech.: der Abgrund): Jetzt wird das wehklagende "Oh Mama" zu einem Bedauern ueber das Schicksal derer, die besser die Lyra spielen als Gott. Oder gegen seinen lauten Gesang die eigene Stimme erheben. So wird Orpheus zu einem kleinen Prometheus.



Wenn uns Cave die versprochene Lyra auf diesem Album zwar schuldig bleibt, so ist auf

"Breathless"

doch zumindest eine Floete zu hoeren, die uns einen Hauch des antiken Griechenland zu vermitteln vermag, man koennte fast glauben es wuerde sich um eine Zauberfloete handeln. Und ich will auch nicht verhehlen, das es sich fuer mich dabei um eine der schoensten Liebesballaden handelt, die ich kenne und ich genau deswegen auch versucht bin, den oben bereits angebrachten Vergleich zur "Zauberfloete" zu ziehen. "Lass deine Gloeckchen klingen" singen die Chorknaben in der Oper von Mozart naemlich zu Papageno, der dabei ist, sich auf dem naechsten Baum aufzuknuepfen. In "Breathless" wird allerdings eine andere Szenerie beschrieben, naemlich eine in den Morgenstunden erwachende Landschaft und es ist nicht ganz klar, ob Cave hier einen Gott oder eine Frau anbetet.

"Baby, You Turn Me On"

zelebriert das Ende der Welt und man fraegt sich, wie schmeichelhaft diese Komplimente wirklich sind. Aber angesichts des nahenden Endes der Welt, zaehlt wohl jedes einzelne Wort. In diesem Song treibt uebrigens auch der aus dem titelgebenden Schlachthaus stammende "butcher" sein Unwesen. Welch ein schoenes Lied, um ans Ende der Schlachtbank zu gelangen. Und der Schnee bedeckte das Grauen. Ein Bild das Cave auf diesen beiden Alben nicht nur einmal erwendet.

"Supernaturally"

greift mit dem Refrain "Hey Ho!” eine altes Ramones-Motiv auf und kommt mit grossem Einsatz der Geige Ellis’ ueber die Runden. Etwas zu schnell und vielleicht auch direkt fuer diese Seite des Doppelalbums, nichtsdestotrotz ein starker Song, der sicherlich einen gewissen Hymnen- Charakter aufweist und besonders live zur Geltung kommen duerfte.

Das ruhige, fast gebetsartige

"Spell"

wirkt sehr mystisch und geheimnisvoll und beruehrt auch durch den eingesetzten Chor und die Geige, die manchmal an die Sirenen eines Rettungswagens erinnern, der den Verletzten, Verwundeten, Liebeskranken in sein lebensrettendes Elysium aufnimmt. Fast ist man an den Titelsong von "Your Funeral, My Trial" gemahnt, das in seiner verdichteten Atmosphaere ein aehnlich zwiespaeltiges Bild des Proponenten abgibt. "I’m feeling under your spell", aber vielleicht will er davor gar nicht gerettet werden und geniesst es sogar im Bordstein zu liegen und in sich wiederholenden Kadenzen, den Namen seiner Geliebten zu schreien oder an die Kante der Gosse zu fluestern.

"Carry me"

verspricht schliesslich die Heilung von all den geschlagenen Wunden, die dieses Leben hinterlassen hat. Von einem Fluss ist hier die Rede, den Schatten oder Stimmen aus den Tiefen, die einen in das "gelobte Land" tragen koennten, vielleicht mit einem Boot Charons oder in den Hoehen der Milchstrasse, der "whited snow" (geweisster Schnee) loest jedenfalls endlich jenes Versprechen ein, das am Anfang schon mehrmals gegeben wurde: die Erloesung von den Suenden, den Lastern und schlussendlich auch vom Tod, wenn auch durch den Tod.

Der verhaltene, unklare Anfang von

"O Children"

laesst einen auf eine verstoerten, verirrten durch das Klopfen an seiner Tuer aufgeweckten Cave stossen, der nach "that lovely little gun" verlangt wie nach einer Tasse Tee. Ohne genauer zu erfahren, was passieren wird, wissen wir, dass die Tragoedie ohnedies ihren Lauf nimmt, nicht, weil irgendeiner der Beteiligten es so wollen wuerde, sondern weil sie unvermeidbar war, vorbestimmt und nur ein Stein in Gottes undurchschaubarem Plan, den wir Sterblichen auch nach unserem Tod kaum durchschauen werden. Doch ein Funken Hoffnung bleibt am Ende doch, sonst waere es nicht Cave, wenn auch hauchduenn und von der Dimension eines Strohhalms.


(Text: Juergen Weber)

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Eine Rezension von Juergen Weber.


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